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Freitag, 27. November 2009

The Gossip, 26.11.2009, Columbiahalle, Berlin

Foto620Ich schrieb heute Nachmittag bereits über die tolle Vorband Ssion, kann an dieser Stelle nur noch darauf hinweisen, dass sie uns für das Konzert von The Gossip recht munter gemacht haben. Allerdings hielt das zunächst nicht lange, die berühmte Umbaupause schien nicht enden zu wollen, immer häufiger drängten sich Buhrufe unter den fordernden Applaus, als bei vielen Leuten nach über einer Stunde Pause die Geduld leicht am Ende war. Als The Gossip dann endlich die Bühne enterten, waren immer noch vereinzelte Buhs zu hören, doch Frau Ditto machte dem gleich ein Ende. Gehüllt in nichts anderem als einer Netzstrumpfhose, einem schwarzen Body und einem begürtelten Minikimono, dazu leichte Ballerinas, zeigte sie nicht nur Selbstbewusstsein und eine gewisse Portion Mut, sondern machte vor allen Dingen klar, dass sie an diesem Abend das Maß aller Dinge sein würde. Leicht heiser war sie, vielleicht eine Erklärung für den späten Start und die recht kurze Dauer der Show. Letzteres war tatsächlich der einzige Wermutstropfen, knappe 80 Min (großzügig) vergingen wie im Fluge, dafür wars aber das mit Abstand beste Konzert, welches ich seit langem gesehen habe. Vergiss Muse, vergiss die Foos, Beth Ditto hat gestern Abend allen gezeigt, wie man rockt, das Publikum anheizt, die Sau rauslässt und trotz alledem unglaublich sympathisch und geradezu bezaubernd sein kann. Was für eine süße Person, was für eine geile Stimme (trotz Heiserkeit), wie viel Power in dieser kleinen Person steckt - das war der absolute Hammer. Der Rest der Band geht da im Vergleich leider ein wenig unter, was schade ist, denn gute Musiker sind sie allesamt. An diesem Punkt noch ein kleines Hoch auf die Columbiahalle, deren Akkustik einfach mal mit die beste in Berlin ist. Was da von der Bühne zu uns nach oben in die Galerie drang, war allerfeinste Musik, die sich - für Nichtkenner von Gossip - am besten als eine Mischung aus Pop, Rock und Soul beschreiben lässt.Foto623
Mit "Dimestore Diamond" gings los, danach kamen Schlag auf Schlag die Titel des aktuellen Albums "Men in Love", unterbrochen von einigen wenigen Stücken des Vorgängers "Standing In The Way Of Control". Beth tanzte, kreischte, shakerte mit dem Publikum, sang sich die Seele aus dem Leib, hüpfte über die Bühne und war einfach nicht zu halten. Und vor der Zugabe gabs noch nen dicken Rülpser oben drauf. Ihr bei all dem zuzusehen, macht glücklich, es hat was Befreiendes aus voller Kehle mitzukreischen. Ständig sucht sie den Blickkontakt mit ihren Fans, man fühlte sich sogar auf der Galerie oben beinahe beobachtet. Neben den unsäglichen Plastikbechern, die auf die Bühne flogen (ihr Idioten!), gabs auch Fanzuwendungen in Form von unterschriebenen BHs, 'nem Partyhut und Blumen. Und als die dralle Dame mit dem knallig roten Haarschopf feststellte, dass ihre Kimonobluse dämlich verrutschte, zog sie diese einfach aus, verschenkte sie an ein Fanpärchen in der ersten Reihe, die minutenlang ihr Glück kaum fassen konnten, und bestritt das restliche Konzert in ihrem schwarzen Body, später dann mit dem umgeschnürten zugeworfenen BH als "Strumpfband". Sollten hier Leser sein, die glauben, das sei bei einer dicken Frau unästhetisch (ja, auch ich war mal arbeitslos und habe Talkshows mit dummen Menschen gesehen, die Dicke "eklig" finden) - nein, das wars nicht. Beth Ditto ist schon allein aufgrund ihrer selbstbewussten Ausstrahlung und der Selbstverständlichkeit, mit der sie herzeigt, was sie hat, einfach mal wunderschön und sexy. Das gepaart mit der Lust, mit der sie ganz offensichtlich auf der Bühne steht und die Leute unterhält, hat sicherlich dazu geführt, dass man nicht nur The Gossip-Fan ist, sondern ein Beth Ditto-Fan. Ich jetzt übrigens auch seit gestern Abend.
Die Leute in der Halle waren ebenfalls aus dem Häuschen, bei uns oben wurde entspannt abgetanzt, unten wurde gehopst und geschrieen, was das Zeug hielt. Im Übrigen ein schön durchgemischtes, hauptsächlich erwachsenes Publikum. Nach einer Stunde waren Stimme und Kraft ziemlich am Ende, verständlich bei dem Pensum. Nach einer kurzen Pause ging es dann auch eher gemächlich in die Zugabe, Tina Turners "What's Love Gotta Do With It" wurde angestimmt, und man vergaß völlig die Originalpowerfrau, die hinter diesem Song steckt, denn Miss Ditto interpretierte diesen Song fantastisch, gefühlvoll und ein Foto639wenig rotzig zugleich. Und dass sie das Bad in der Menge liebt, zeigte sie während des Titels deutlich. Nein, sie ging nicht nur einfach am Bühnengraben entlang und hielt ihre Hand in die Fanmenge, sie marschierte stattdessen schnurstracks mitten durch das Publikum, von oben war von der kleinen Frau nur noch ihr roter Haarschopf zu erkennen, sie schüttelte Hände, ließ sich mit den Handys der Fans fotografieren, entschuldigte sich, während sie sich durch die Masse drängelte - ein Albtraum für jeden Security Mann, ein Fest für die Fans. Auf ihrem Rückweg zur Bühne brachte sie gleich noch drei Grazien, wunderhübsch gestylte Transen, mit, die während der restlichen beiden Zugaben "Standing In The Way Of Control" und "Heavy Cross" auf der Bühne tanzten.

Einfach ein Wahnsinnskonzert, und wer bei der Süddeutschen Zeitung nach der Show in München die Frechheit hatte, von einer dünnen, oberflächlichen Stimme zu schreiben, der ist bei Bon Jovi Konzerten sicherlich besser aufgehoben. Unten gibts noch ein kleines Minivideo (sorry, mein Handy - nicht die beste Qualität) von ihrem Deutschversuch "Milch und Fleisch" :) Ich glaube, dass die Setlist von gestern mehr oder minder die Gleiche war wie am 18.11. in Köln, diese kann man hier sehen.

Ssion (Support von The Gossip), 26.11.09, Columbiahalle, Berlin

Ich hab selten genug erlebt, dass mich der Support der Hauptband so beeindruckt, dass ich am liebsten sofort deren Album kaufen möchte und mich schlau mache, ob sie vielleicht demnächst noch mal einen "eigenen" Gig spielen, bei dem man sie dann in voller Länge erleben darf. Biffy Clyro waren das vor den Queens Of The Stone Age in Hamburg im letzten Jahr oder - um bei QOTSA zu bleiben - die Kamikaze Queens vor zwei Jahren. Auch Blonde Redhead als Support von Interpol vor zwei Jahren hatten zumindest die Wirkung, dass ich echt neugierig auf deren aktuelle Platte war. Und in solchen Fällen sollte man die Vorband nicht irgendwie mit zwei Sätzen abhaken, sondern ihnen einen eigenen Eintrag widmen, finde ich.
Gestern vor The Gossip waren es nun Ssion, eine Band, von der ich bis dato überhaupt noch nichts gehört habe, glücklicherweise haben sie ein MySpace-Profil, wo man ein klein wenig über sie erfährt. Zunächst hab ich das alles für einen schlechten Scherz gehalten. Da kam ein zotteliger Gitarrist auf die Bühne in einer Art wabbeligem Pyjama, einem klitzekleinen braunen Lederhandtäschchen und Zehensocken, der sich ans Mikro stellte und völlig unverständliches Zeug brabbelte. Zu dem Zeitpunkt schauten meine Schwester und ich uns an und waren uns einig, das kann nur österreichische Comedy sein (sorry, Österreicher!). Aber nein, weit gefehlt, zu dem Menschen an der Gitarre (der sich im Verlauf des Sets als höchst talentierter Gitarrist, namens J. Ashley Miller herausstellte) gesellten sich dann Sänger Cody Critcheloe und der Drummer (namenslos, irgendwie finde ich die entsprechenden Infos nicht im Web). Ein Teil der Musik kam vom Band, den Rest besorgten die drei auf der Bühne und spielten eine richtig schöne, durchgeknallte Genremischung, die man vielleicht am ehesten mit Discopunk beschreiben kann, sehr tanzbare Musik mit punkiger Attitüde halt, toll performt von echt bunten Vögeln, die zwischendurch auch eine Gruppe von mehr oder minder bekleideten und angemalten Tänzern auf die Bühne holten. Für einen kurzen Moment kam noch eine Assoziation zu Sacha Baron Cohens "Brüno" auf, diese verschwand dann aber schnell innerhalb des toll gespielten Sets, welches übrigens noch von einer Videoprojektion unterstützt würde. Im besten Sinne trifft der Begriff "Performance" hier vielleicht am ehesten zu. Das Berliner Publikum war leider zu großen Teilen ziemlich unbeweglich während ihres Auftritts, doch immerhin einigen schien die Band - oder zumindest Cody Critcheloe, der übrigens für das Artwork von Yeah Yeah Yeahs "Fever to tell" Album zuständig war und auch sonst ein ziemlich umtriebiger Künstler zu sein scheint - ein Begriff zu sein, die tanzten fleißig mit. Was Gitarrist J. Ashley Miller anbetrifft - der lebt definitiv in seiner eigenen Welt, frage mich, ob der außer seinem eigenen Gitarrenspiel überhaupt noch etwas mitbekommen hat.
Kurz: Ssion haben tierisch viel Spaß gemacht und - wenn man den gesamten Abend betrachtet - passten wunderbar als Vorband zu The Gossip. Von deren fantastischen Auftritt berichte ich später auch noch.
Hier erst mal ein kleiner Ssion-Teaser von der Kölner Show am 18.11.2009.









Ach so, das aktuellste Album von Ssion hört auf den Namen "Fools Gold" und erschien bereits im Februar 2008.